TUW Heroes – Trendsupwest 2026

Christian Schmidt

Gift Company

Fußmatten, Farben und das Hamburger Kaufmannsehrenwort…“

Manche Produkte verändern alles. Für Christian Schmidt waren es Fußmatten. Als er Anfang der 1990er-Jahre in einem Hamburger Treppenhaus an einer Reihe besonders langweiliger Exemplare vorbeilief, ahnte er noch nicht, dass daraus einer der ersten großen Erfolge der Gift Company entstehen würde. Heute, 35 Jahre später, zählt das Unternehmen zu den bekanntesten Anbietern von Wohnaccessoires und Geschenkartikeln. Im HEROES-Interview spricht der Gründer und Geschäftsführer über seine ersten Abenteuer in Asien, über Farben als Erfolgsrezept, wirtschaftliche Tiefschläge, große Produkthits und warum das Hamburger Kaufmannsehrenwort für ihn bis heute mehr zählt als mancher Vertrag.

Christian, wie sieht ein typischer Tag von dir heute bei der Gift Company aus?

Christian Schmidt:

Das frage ich mich selbst manchmal. (Lacht.) Ein Unternehmen dieser Größe zu führen bedeutet, dass trotz aller Strukturen jeder Tag anders aussieht. Ich nenne mich deshalb gern „Head of Everything“ – oder vielleicht auch nicht so gern, weil man dabei oft aus kreativen Prozessen herausgezogen wird. Was aber sicher für mich gilt: Ich bin ein absoluter Produkttyp. Ich versuche, die Richtung vorzugeben, neue Ideen anzustoßen und das Team zu inspirieren.

Was war denn der Ursprung der Gift Company?

Christian Schmidt:

Fußmatten. (Lacht.) Ich war einmal abends in Hamburg-Eppendorf eingeladen – heute ein sehr nobles Viertel – und bin im Treppenhaus an mindestens zehn schrecklich langweiligen Fußmatten vorbeigekommen. Da dachte ich: Was für ein geniales Produkt! Jeder braucht sie, sie nutzen sich ab und man kann sie völlig anders gestalten – bunt und farbenfroh. Das ist jetzt 35 Jahre her, so lange gibt es die Gift Company inzwischen.

Also könnte man sagen, Fußmatten haben eine besondere Bedeutung für dich?

Es ist eigentlich ein primitives Produkt – und eigentlich auch wieder nicht. Ich glaube, ich habe kein Produkt so tief durchdrungen wie die Fußmatte. Ich habe mir den kompletten Produktionsprozess angeschaut: von der Ernte der Kokosnüsse über die Gewinnung der Fasern bis hin zum Weben auf einfachen Webstühlen im Dschungel. Dort hat eine Familie vielleicht vier Matten am Tag hergestellt, die anschließend in den Produktionsbetrieb gingen, wo Form und Design finalisiert wurden. Dabei habe ich unglaublich viel darüber gelernt, worauf es bei Produkten ankommt.

Worauf kommt es bei euch noch an?

Christian Schmidt:

Die Farbthemen ziehen sich seitdem durch unser gesamtes Sortiment. Dabei hatten wir zu Beginn noch deutlich mehr Metallprodukte im Angebot. Wir investieren unglaublich viel Gehirnschmalz in unsere Farbsystematik, sodass sich unsere Händler voll darauf verlassen können, das alles zueinander passt. Die Sandstones-Kollektion haben wir vor zehn Jahren gelauncht – und sie ist bis heute ein Bestseller.

Spannend wird es immer dann, wenn die ersten Muster eintreffen – so wie gerade wieder. Das ist jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten, weil man die Produkte zum ersten Mal fertig umgesetzt in den Händen hält.

Der besondere Blick für Farbe zeichnet dich aus?

Christian Schmidt:

Ja, ich denke schon. Ich greife Trends auf und versuche, sie in den Mainstream zu übersetzen – und dabei eine Linie über verschiedene Kollektionen hinweg zu finden. Das ist gar nicht so einfach, weil wir mit ganz unterschiedlichen Materialien arbeiten: Emaille, Keramik, Nylon, Metall und vieles mehr. Viele arbeiten gekonnt mit Farben, aber wir wollen immer exakt den richtigen Ton treffen. Dafür steht Gift Company und darin sind wir kompromisslos.

Hattest du diesen Blick von Anfang an oder hast du ihn trainiert?

Christian Schmidt:

Den hatte ich schon immer ein Stück weit. Aber heute habe nicht nur ich ihn, sondern das ganze Team. Wir sind uns da sehr einig und viele bei uns sind mittlerweile sogar besser darin als ich.

Wie bist du zur Konsumgüterbranche gekommen?

Christian Schmidt:

Aus Faulheit. (Lacht.) Mein Vater war Schiffsmakler und hat immer sehr viel gearbeitet. An Ostern saß ich oft mit ihm im Telexraum und fand es faszinierend, mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Gleichzeitig hat er immer gesagt: „Mach etwas anderes. Dieses Geschäft ist familienfeindlich.“ Er ist früh gestorben, aber diese Worte habe ich immer im Ohr behalten.

Das internationale Geschäft wurde dir aber so ein Stück weit in die Wiege gelegt.

Christian Schmidt:

Absolut. Bei uns zu Hause waren ständig Gäste aus Asien oder den USA. Es wurde viel gefeiert. Wenn ein Öltanker mit 300.000 Tonnen Öl verschlossen wurde, war Party angesagt. Aber so richtig.

Dann bist du ja im Prinzip ein Hamburger Jung, wie er im Buche steht…

Christian Schmidt:

Jetzt, wo du es sagst: Ja, irgendwie schon. Das ist tatsächlich ziemlich klassisch.

Du bist dann aber ganz offensichtlich nicht Schiffsmakler geworden. Wie ging es stattdessen in die Konsumgüterbranche?

Christian Schmidt:

Während meiner Schulzeit habe ich bei einem väterlichen Freund gejobbt. Er besaß zwei Segelboote, eines davon wurde verchartert und ich habe mich darum gekümmert – Schiffsmakler im Kleinen sozusagen. (Lacht.) Nach einem langen Segelsommer sagte er zu mir: „Komm, wir hängen noch eine Woche dran.“ Ich antwortete: „Geht nicht, ich fange am 1. August an.“ Als er fragte, wo, sagte ich: „Bei dir.“ Er betrieb einen Großhandel mit Feuerzeugen und Geschenkartikeln.
Kurz nach meinem Einstieg gab es eine Vakanz im Einkauf und ich wurde gefragt, ob ich mit nach Asien kommen möchte. Ich war 19 Jahre alt und plötzlich in Japan, Korea, Hongkong und Taiwan unterwegs.

Wie war Asien damals?

Christian Schmidt:

Eine andere Welt. Hongkong hat einen regelrecht erschlagen. In Taiwan waren die Menschen unglaublich freundlich. Japan und Korea wirkten auf mich vollkommen exotisch. Das war eine Initialzündung für mich.

Nach einer kurzen Zwischenstation habe ich dann gemeinsam mit diesem väterlichen Freund die Gift Company gegründet. Bis 1999 war er noch im Unternehmen, seitdem leite ich es allein.

Und dann hast du Indien entdeckt.

Christian Schmidt:

Ja. Indien war damals bei Einkäufern noch überhaupt nicht auf dem Radar. Viele haben mir sogar davon abgeraten. Auf einer Messe in Hamburg standen einige indische Aussteller. Ich habe dort ein paar Testmengen bestellt und die schlugen ein wie eine Bombe.

Seitdem bin ich regelmäßig in Indien unterwegs. Das war damals eine völlig neue Welt. Ich bin relativ schnell selbst hingefahren und das war wirklich abenteuerlich. Affen in den Städten, Elefanten auf den Straßen.

Dafür braucht es auch Mut.

Christian Schmidt:

Ja, unbedingt. Damals noch mehr als heute. Manche Dinge waren nicht ganz ungefährlich. Kaputte Auspuffanlagen, Kohlenmonoxidvergiftungen, abenteuerliche Überlandfahrten. Und natürlich die Bilder, die man gesehen hat. Gerade in Indien gab es Straßenszenen, die man nicht einfach so verarbeitet hat.

Das macht deshalb auch nicht jeder. Du hast aber die Entwicklung vieler Schwellenländer miterlebt.

Christian Schmidt:

Absolut. Als ich das erste Mal in China war, waren dort noch Rikschas unterwegs. Überhaupt hat man in vielen Teilen Asiens die koloniale Vergangenheit noch gespürt. Heute ist davon vielerorts kaum noch etwas zu sehen. Trotzdem bleibt es spannend. Es gibt immer wieder neue Materialien, neue Verarbeitungstechniken und neue Ideen zu entdecken.

Was war euer letzter großer Erfolg?

Christian Schmidt:

Im vergangenen Jahr haben wir unsere Flaschenkühler eingeführt. Das ist wirklich ein Riesenhit geworden. Lustigerweise hat die Gen Z in unserem Team anfangs gar nicht verstanden, wofür man die braucht, weil sie so wenig Alkohol trinkt. (Lacht.)

Wie wichtig sind dir Messen?

Christian Schmidt:

Da laufen für mich alle Fäden zusammen. Ich bin gern Gastgeber, weshalb unsere Messestände auch so aussehen, wie sie aussehen. Am schönsten ist es für mich gegen Abend, wenn die Leute bei uns einen Sekt trinken, Spaß haben und ins Gespräch kommen. Für uns ist eine Messe immer ein bisschen wie Klassenfahrt. Man freut sich darauf, Gleichgesinnte wiederzusehen. Das gilt insbesondere für die TRENDS UP WEST.

Nun sind 35 Jahre eine lange Zeit – mit Höhen, aber sicher auch mit Tiefen?

Christian Schmidt:

Natürlich. Das bleibt nicht aus. Ich erinnere mich noch gut an einen Auftrag für Tchibo, der mir beinahe das Genick gebrochen hätte. Wegen einer fehlerhaften Produktspezifikation ging es plötzlich um enorme Mengen und sehr viel Geld.
Vor 15 oder 20 Jahren hatten wir außerdem einmal Liquiditätsprobleme und mussten uns mit der Intensivabteilung der Commerzbank auseinandersetzen. Das wollte ich nie wieder erleben – und seitdem ist das auch nicht mehr passiert.
Im Rückblick war selbst das für etwas gut. Mein Vater hat mir einmal gesagt: „Wenn du Hamburger Kaufmann werden willst, dann gilt dein Ehrenwort.“ Das hat sich tief bei mir eingeprägt und begleitet mich bis heute.

Hättest du mit dem Wissen von heute rückblickend etwas anders gemacht?

Christian Schmidt:

Im Großen und Ganzen nicht. Natürlich haben wir auch Geld verbrannt, weil wir auf die falschen Produkte gesetzt haben. Aber wenn man nach 35 Jahren in dieser Branche noch da ist, hat man offensichtlich einiges richtig gemacht. Viele große Namen, die uns früher begleitet haben, sind längst verschwunden. Nic Duysens, Drescher, Authentics oder Dürkop – das waren Ikonen unserer Branche.
Das zeigt aber auch, wie zerbrechlich und bedroht die Vielfalt der Konsumgüterbranche inzwischen ist. Erst recht in Zeiten von Temu und Shein. Wenn wir uns jedoch unseren Speed und unsere Kreativität bewahren, dann haben wir auch in Zukunft eine starke Perspektive.

Was treibt dich an?

Christian Schmidt:

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie aus einer Idee zunächst ein Design entsteht, dann ein Muster, anschließend ein Produkt in der Fertigung und schließlich etwas, das im Onlineshop oder im Handel steht. Und irgendwann siehst du es vielleicht bei jemandem zu Hause. Diese ganze Kette hat bis heute etwas Magisches für mich.

Interview mit Christian Schmidt, Gründer von Gift Company